Dienstag, 24. Juni 2014

Portfolio International: lesenswerter Bericht über eCall und Telematik

nachträglich eingebaute Telematikbox
Das Thema eCall taucht inzwischen ab und an doch in den Medien auf. Und das ist gut so, wenn auch etwas spät. Denn die politischen Weichen sind längst gestellt.

Aktuell möchte ich Euch auf einen Artikel von Hans Pfeifer hinweisen, der auf Portfolio International erschienen ist. Im ersten Teil weist er auf folgende Möglichkeiten hin, die mit der neuen Technologie verbunden ist:
  • Daten über Zustand und Wartungsbedarf des Fahrzeugs können an Hersteller und Werkstätten übermittelt werden, z.B. zu Bremsbelägen und Autobatterie. Diese melden sich beim Autobesitzer, ehe das Fahrzeug liegen bleibt.
  • Versicherer könnten leichter ein Mitverschulden des Autofahrers bei einem Unfall nachweisen. Denn sein Fahrverhalten wird aufgezeichnet.
  • Bei einer Panne oder einem Unfall wird sofort Hilfe organisiert.
  • Polizei oder Nachrichtendienste können auf die Daten zugreifen und sie auswerten.
  • Die Europäische Union erwartet sich bis zu 2.500 Verkehrstote pro Jahr weniger durch die neue Technologie.
Im zweiten Teil zeigt er auf, dass vor allem die Versicherer Wettbewerbsnachteile gegenüber den Kfz-Herstellern befürchten.

Über all diese Punkte muss öffentlich gesprochen werden.

Dass der Fahrzeugzustand an Hersteller oder Werkstätten gemeldet wird, ist eine zweischneidige Sache. Gut finde ich, wenn die Gefahr des Liegenbleibens nicht so groß ist. Aber wer eine echte Schrottkarre fährt, den wird ein Anruf des Herstellers mit der Bitte in der nächsten Markenwerkstatt vorstellig zu werden wohl kaum interessieren. Und überhaupt: ist die Gefahr nicht groß, dass dem Autohalter etwas verkauft wird, dessen Sinnhaftigkeit ihm nicht klar ist?

Das Versicherer leichter ein Mitverschulden nachweisen können, wird gerne als Argument dafür angeführt, um ihnen den Zugang zu den Daten zu verwehren. Führt der Einwand des Mitverschuldens doch dazu, dass der Geschädigte seinen Schaden nicht voll ersetzt bekommt. Doch diese Sicht ist auch einseitig, denn es sind in der Regel zwei Autofahrer an einem Crash beteiligt. Sie sind beide Geschädigte. Bekommt der eine seinen Schaden wegen eines Mitverschuldens nicht voll ersetzt, bekommt der andere aber zumindest einen Teil seines Schadens ersetzt. Gerade hier muss man alle Beteiligte sehen. Für die Versicherungswirtschaft wird es nicht wirklich billiger, denn die Kfz-Versicherer müssen zwei Schäden bearbeiten und (zum Teil) ersetzen. Ist es gerecht, wenn einer seinen Schaden nicht voll ersetzt bekommt, weil ihm ein Mitverschulden nachzuweisen ist? Das Gesetz (§ 254 BGB) beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja.

Dies sind nur zwei Punkte. Hier kann man sicher auch viele weitere Argumente pro und contra aufführen. Dazu lade ich die Leser dieses Blogs und alle Menschen in Europa herzlich ein.

Diese Punkte beantworten aber nicht, weshalb die größte quasi-staatliche Organisation auf dem Kontinent - die Europäische Union - mit aller Macht die eCall-Technologie durchboxt. Wenn die Polizei mit ihrer Hilfe auf Verbrecherjagd geht, mag das noch akzeptiert werden. Wer möchte nicht, dass Einbrecher, Vergewaltiger oder Mörder gefasst werden?
 Die Wettbewerbsnachteile der Versicherer können diese durch etwas Mut zu klaren Produkten kompensieren. Weshalb sollen Versicherer das Geschäft der Hersteller bezahlen, wenn diese die Schadenssteuerung übernehmen? Lässt ein Kunde die Hersteller auf umfangreiche Daten zugreifen und ihn im Schadensfall in dessen Werkstätten bringen, wird sich das durch eine höhere Prämie niederschlagen müssen als wenn der Kunde dem Hersteller den Zugriff nicht erlaubt. Wer eine sehr günstige Versicherungsprämie will, kann sein Fahrzeug nicht komplett den Markenwerkstätten überlassen. Qualität mag ihren Preis haben, der muss dann aber auch bezahlt werden. Auch das ist nur eine Scheindebatte. Sowohl Hersteller als auch Versicherer werden ihre Chancen durch die neue Technik zu nutzen versuchen, beiden wird es nicht vollständig gelingen. Am Ende entscheidet der Bürger, der zumindest in Bezug auf die eigene Geldbörse in der Regel noch mündig ist.

Die Sorgen um oder von Kfz-Herstellern oder Versicherern sind aber nicht der Kernpunkt der neuen Technologie. Was ist mit den Nachrichtendiensten? Welche Macht haben diese über uns, wenn sie die Bewegungsprofile aller Bürger auswerten können?

Meine Meinung ist, dass die eCall Technologie nichts anderes ist als eine Teilstrecke des Marsches in den Überwachungsstaat. Die angeblich 2.500 Verkehrstote weniger sind nicht wirklich belegt, sondern eine Behauptung die lediglich als Totschlagargument gegen Kritiker dient. Die Diskussion über Datenmacht für Versicherer und Kfz-Hersteller halte ich für eine Scheindebatte, die vom eigentlichen Anliegen ablenkt. Der Verbraucher kann entscheiden, ob diese auf seine Daten zugreifen dürfen oder nicht.

Worüber der Verbraucher aber nicht entscheiden kann ist, ob in sein (ab 2015 neu gebautes) Fahrzeug die eCall Technologie eingebaut wird oder nicht. Warum das so ist, warum der Verbraucher gezwungen wird ein Überwachungsgerät mit sich herumzutragen, das ist die Frage, die von uns mündigen Bürgern an die Politik gestellt werden sollte. Die Frage, die bislang zu wenig gestellt wird.

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