Freitag, 3. Januar 2014

Der Postillon, der Pofalla und der Qualitätsjournalismus

Ich lese gerne mal im Magazin Der Postillon. Es ist Satire, völlig absurde oder banale Stories werden teilweise bösartig, teilweise auch einfach nur lustig geschildert.

Am 1.1.2014 berichtete der Postillon, ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla wechsele zur Deutschen Bahn. Dort, so die Story, werde ein eigenes Vorstandsressort für ihn geschaffen, damit er ordentlich Lobby-Arbeit in der Politik betreiben kann.

Das wurde seitens des deutschen Qualitätsjournalismus ernst genommen. Ich vermute, ein Journalist der Saarbrücker Zeitung nutzt Google Alert oder einen ähnlichen Informationsdienst. So holt er sich Neuigkeiten über Politiker. Da wird auch diese Meldung gekommen sein. Das Dumme nur: solche Dienste unterscheiden nicht nach Witz oder Ernst. Denken muss man immer noch selbst. Das gelingt nicht jedem. Und so ging die Geschichte los.

Am 2.1.2014 berichtete dann jedenfalls die Saarbrücker Zeitung von dem Wechsel. Statt den Postillon als Quelle zu nennen und die Sache so als Witz zu outen, tat man aber auf seriös. Wörtliches Zitat aus dem Artikel in der Saarbrücker Zeitung:
Das berichtet die „Saarbrücker Zeitung“ unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise in Berlin.
Zwei Sachen fallen sofort auf. Die Saarbrücker Zeitung zitiert sich selbst als Referenz. Und dann müssen "gut unterrichtete Kreise in Berlin" auch noch herhalten. Merkt aber keiner im deutschen Qualitätsjournalismus.

Inzwischen springen nämlich alle möglichen Medien - unter Berufung auf die Saarbrücker Zeitung - auf die Story auf. Keiner will sich die Geschichte entgehen lassen. Dass die Bahn sich bedeckt hält (der arme Pressesprecher wird wie der Rest des Unternehmens von der Geschichte recht überrascht gewesen sein), hat auch seinen Anteil am Fortgang der Angelegenheit. Schauen wir uns mal an, was aus der Sache geworden ist.

Die Welt nennt die Berufung Pofallas einen Glücksfall für die Bahn. Da bin ich mir nicht sicher, ob man den Postillon in Sachen Satire toppen wollte oder so eine Eloge ernsthaft meint und glaubt, auf der Schleimspur nicht auszurutschen. Da glaube ich mal an Satire. Die Welt KANN das nicht ernst meinen. Falls doch - was soll das?

Am 2.1.2014 um 17.01 Uhr wies der Postillon schon amüsiert auf einen Bericht des Handelsblatts hin. Der Spiegel berichtet halbwegs neutral, aber hält die Geschichte auch für real. Und die TAZ kolportiert, Pofalla wolle eine Anstandspause zwischen seinen Ämtern einlegen, ehe er für über eine Million Euro im Jahr zur Bahn gehe.

Einzig Ronald Pofalla schweigt. Die aktuellste Meldung auf seiner Homepage stammt aus November und berichtet davon, dass ein Tannenbaum vom Niederrhein im Bundeskanzleramt steht.
Stand dieser Information: 03.01.2014 um 08.17 Uhr.
Muss man ja dazu schreiben.

Welche Erkenntnis bleibt? Es gibt zwei Möglichkeiten:
  1. Die Medien erkennen, dass sie einem Witz aufgesessen sind und arbeiten am Qualitätsniveau. Nur weil irgendwer irgendwas ins Netz schreibt, bedeutet es nicht, dass es wahr ist.
  2. Ronald Pofalla wird wirklich zur Bahn berufen für über eine Million und steht dann da als Witzfigur im Vorstandsamt.
Meine Meinung: auch Qualitätsmedien kann man wohl immer weniger trauen. Das hier ist eine relativ harmlose Geschichte. Aber wenn über die wirklich wichtigen Themen ebenso fundiert recherchiert wird, dann gute Nacht mit dem Vertrauen in unseren Journalismus.


Nachtrag am 03.01.2014 um 11:44 Uhr: ich bin reingefallen, dem Postillon ist ein genialer Mediencoup gelungen. Dazu kann ich nur sagen: Respekt. Von einem Freund bin ich auf diesen Eintrag beim Freundeskreis Eins Live aufmerksam gemacht worden.
Also: die Meldung ist wohl echt, die Bahn spendiert dem Herrn Pofalla mehr als eine Million Euro im Jahr für Lobbyarbeit. Traurig, aber wahr.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen