Mittwoch, 9. Oktober 2013

Persönliche Meinung: weshalb ich nicht privat krankenversichert bin

Der Journalist Frank Stocker berichtete am 06.10.2013 in der Welt von seinen Erfahrungen als Privatpatient im heutigen Gesundheitssystem. Er hat dabei das Gefühl, die Melkkuh des Systems zu sein. Und zwar für Versicherer wie auch für Ärzte - wenn ich ihn richtig verstanden habe.
Ich selbst war in der meisten Zeit meines Lebens gesetzlich versichert. Während des Referendariats war ich Beamter auf Widerruf - und damit beihilfeberechtigt. Die gesetzliche passte nicht mehr, also habe ich mich privat versichert. Ich hatte dabei eine Anwartschaft, mich nach Ende des Referendariats ohne weitere Gesundheitsprüfung voll privat versichern zu können.
Anschließend begann ich mit meiner Tätigkeit bei meinem heutigen Arbeitgeber, einer Kfz-Versicherung. Die Bezahlung war so, dass ich unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze lag. Also musste ich mich gesetzlich versichern. Ich bin dann einer BKK beigetreten. Und da bin ich heute noch.
Als es mir vom Einkommen her möglich war in die Private Krankenversicherung zu wechseln, habe ich mich dagegen entschieden. Stattdessen habe ich eine Zusatzversicherung abgeschlossen, von der ich mich manchmal frage, ob sie sinnvoll ist oder nicht. Aber echt blöde Erkrankungen sind bislang ausgeblieben. Das ist auch gut.

Warum bin ich nicht privat versichert?
Das, was ich jetzt schreibe, ist meine persönliche, höchst private Auffassung. Ich finde es wichtig, über solche Meinungen in der Öffentlichkeit zu sprechen. Daher mache ich bei mir selbst den Anfang. Aber ich habe durchaus nicht den Anspruch, die absolute Wahrheit zur Sache zu verkünden. Nur meine subjektive Sicht der Dinge steht hier zu lesen. 

Gegenargument: das Werben damit, dass Alltagshilfen unlimitiert bezahlt werden
Ich erinnere mich noch daran, wie seinerzeit alle Versicherungsvertreter mir erklärten, dass ich jährlich eine neue Brille haben könne, egal was die koste. Da ich weiß, dass es einige sehr kostspielige Modelle gibt, fragte ich mich wie das funktionieren kann. Es kann nicht funktionieren, ohne dass die Sache für alle Beteiligte immer teurer wird. Das läuft auf 'wenig geben, viel nehmen' hinaus. Solidarität geht anders. So ein System bereitet mir Bauchschmerzen.
Inzwischen, so habe ich gelernt, haben auch die privaten Krankenversicherungen bemerkt, dass das nicht funktioniert. Solche Positionen sind in den Versicherungsbedingungen jetzt limitiert. Das ist richtig und notwendig, weil sonst die Kalkulation stabiler Prämien nicht möglich sein kann. Aber die Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf.

Gegenargument: Anheben der Eintrittshürden
Dann habe ich bemerkt, dass die Hürden für Angestellte immer mehr angehoben wurden, um sich privat versichern zu können. Man sieht das ganz gut an der Entwicklung der Beitragsbemessungsgrenze, wie sie bei Wikipedia dokumentiert ist.
Wenn aber (bei ohnehin sinkender Bevölkerungszahl) die Hürden für den Neueintritt in ein Solidarsystem kontinuierlich angehoben werden, dann betrifft das über kurz oder lang das Fundament dieses Systems. Jede Versichertengemeinschaft ist auf potentielles Wachstum angewiesen.

Gegenargument: die Schließung der Tarife
Zum Hintergrund meiner Sensibilität. Meine Eltern sind beide als Ärzte selbständig gewesen und bis heute bewusst gesetzlich versichert und nicht privat. Eine Entscheidung, über die sie immer recht froh waren. Sie haben nämlich gesehen, dass ältere Kollegen teils sehr über die hohen Prämien zu ihren Krankenversicherung klagen. Als junger Mann habe ich mich gefragt, weshalb meine Eltern die Vorteile einer privaten Krankenversicherung nicht für sich gesichert haben. Als inzwischen nicht mehr ganz so junger Mann kenne ich die Antwort: weil sie nicht blöd sind und an die Zukunft gedacht haben.
Aber woran liegt das? Die Krankenversicherer legen einen Tarif auf, für den dann Kunden geworben werden. Kommt einige Jahre später eine neue Tarifvariante, wird der bisherige Tarif geschlossen. Neue Kunden kommen nicht mehr dazu.
Was das bedeutet merkt man auf lange Sicht: die Kunden dieses Tarifs werden miteinander alt. Und dann eben, wie es so ist im Leben, immer kränker. Sie müssen als (recht kleine) Solidargemeinschaft die Heilbehandlungskosten ihrer Tarifgemeinschaft tragen. Und das führt dazu, dass die Beiträge zur Krankenversicherung erheblich ansteigen müssen. Da helfen auch die Altersrückstellungen nur bedingt weiter.  Frank Stocker hat diesen Effekt in seinem Artikel gut beschrieben.
Meine Meinung ist, dass eine Solidargemeinschaft etwas sehr langfristiges ist. Und sie ist auf einen generationenübergreifenden Zusammenhalt angelegt. Die Schließung von Krankenversicherungstarifen passt nicht dazu.
Vertrauen hätte ich in eine Private Krankenversicherung, die solche geschlossenen Tarife nicht kennt. Nicht in das System, wie es jetzt ist.

Gegenargument: die hohen Vermittlerprovisionen
Da ist noch etwas anderes. Ich habe lernen müssen, dass für die Vermittlung von Personenversicherungen enorm hohe Provisionen bezahlt werden. Warum? Klar, dahinter steht auch eine Beratungsleistung des Vermittlers mit dem Risiko, im Falle einer Fehlberatung schadensersatzpflichtig zu werden. Aber auch hier gilt, dass alles sein Maß haben muss. Ein oder zwei Monatsbeiträge als Provision könnte ich noch verstehen. Vielleicht auch drei. Aber dann ist das Maß dessen, was noch angemessen ist, irgendwo erreicht. Ich lese in der Presse von einer zulässigen Obergrenze für die Vermittlung von 9 Monatsbeiträgen.
Meine spontane Frage lautet: geht's noch?
Wird über eine zulässige Obergrenze von 9 Monatsbeiträgen als "Deckelung" berichtet, wird es wohl auch Ausreißer nach oben gegeben haben. Ganz ehrlich: wie marode muss ein Produkt kalkuliert sein, wenn man es nur durch Zahlung so hoher Vermittlungsgebühren mit ausreichend Neukunden versorgen kann?
Wie ich höre, zahlen die wirklich guten Krankenversicherer deutlich niedrigere Vermittlungsprovisionen als 9 Monatsbeiträge. Das ist auch richtig so. Aber mein Mißtrauen in die Branche wird dadurch nicht geringer.

Mein Fazit: dann doch lieber gesetzlich versichert
All die vorstehenden Punkte zusammen führten zu meinem Entschluß, im System der gesetzlichen Krankenkasse zu bleiben. Ich möchte mein Schicksal nicht in ein Solidarsystem geben, das politisch ausgetrocknet wird und das es offenbar nicht schafft, sich von internen Unmäßigkeiten zu befreien. Den Punkt mit den Tarifschließungen kann ich zwar nachvollziehen, um für die Neukundenwerbung günstige Preise darstellen zu können. Aber letzten Endes empfinde ich es als Sauerei gegenüber Bestandskunden, die in viel zu kleinen Solidargemeinschaften (nämlich den geschlossenen Tarifen) zusammengefasst sind. Zum Glück können die inzwischen in einen Basis-Tarif analog der gesetzlichen Kasse gehen.
Ich bin Frank Stocker für seinen Beitrag dankbar. Ich hoffe, er führt mit zu einer gesellschaftlichen Diskussion über das Krankenversicherungssystem. Mit dieser persönlichen Stellungnahme in meinem Blog, die meine ganz private Sicht der Dinge wiedergibt, möchte ich meinerseits dazu einen Beitrag leisten.

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