Freitag, 30. August 2013

Lustige Iren, unlustige Berufsirre und die anstehende Wahl

Es ist schon fast wieder aus den Medien verschwunden, das Euro-Thema. Angela Merkel macht sich Sorgenfalten über Syrien. Peer Steinbrück sucht mit Mindestlohn und anderen sozialen Wohltaten zu punkten. Und auf Euro und Europa gehen die Parteien im Wahlkampf kaum noch ein - vermutlich aus Angst davor, dass die Leute dann zur neuen Partei Alternative für Deutschland (AfD) laufen. Denn die ist - soweit ich es sehe - die einzige Gruppierung, die nicht aus ideologischer Positionierung, sondern aus fachlichem Sachverstand dazu eine eigene, sehr kritische Meinung entwickelt.


Aber das Euro-Thema sollte nicht in Vergessenheit geraten. Gerade weil mir das Friedensprojekt "Europa" sehr wichtig ist, spreche ich darüber. Denn ich habe doch den Eindruck, dass unsere Politiker die Sprengkraft der Euro-Krise (die keineswegs bewältigt ist!) derzeit systematisch ausblenden. Gehen wir nicht ehrlich miteinander um in diesem Land und auch in Europa, platzt uns die ganze Sache unter den Füßen weg. Und dann kommen schnell wieder Dinge hoch, welche die Völker Europas gegeneinander aufbringen können. Dagegen werden dann Syrien noch ein Mindestlohn helfen!

Um zu verdeutlichen, was ich meine, schauen wir doch mal nach Irland.

'Another day, another billion,' laughs Drumm. So titelte der Independent.ie einen Bericht über den Inhalt von Telefonmitschnitten. Irische Banker haben sich intern über Deutschland lustig gemacht, das zig Milliarden in die Rettung von Banken und Staaten in Europa investiert hat.

Die deutschen Medien griffen das auf: "Irische Pleitebanker verhöhnen Deutschland", so die Welt und das Manager Magazin unisono. Der Spiegel titelt "Telefonmitschnitt: Wenn irische Banker "Deutschland über alles" singen". Der Independent hat die Mitschnitte veröffentlicht.

Beschäftigen wir uns mit zwei Punkten: dem eigentlichen Problem und mit Europa.

Wo ist eigentlich das Problem? Geht es nach den deutschen Medien, scheinen Undankbarkeit oder Kenntnis der ersten Zeile des Deutschlandliedes das eigentlich berichtenswerte Thema zu sein. Die Schlagzeile könnte auch lauten: "Banker machen ihren Job, erkennen und nutzen Gelegenheiten und haben Humor". Wie es scheint, ist das schlimm. Ganz ehrlich: wer so berichtet, schreibt am Problem vorbei, und das offenbar hauptberuflich. Über die Iren kann ich noch lachen, über die deutschen Journalisten nicht.

Gebt mal bei Google "Stupid German Money" ein. Diese Redewendung ist zwar in einem anderen Zusammenhang gebräuchlich, wie man am Eintrag bei Wikipedia sehen kann. Aber auch bei der Eurorettung kam sie mir in den Sinn. Ohne Ende wird da deutsches Geld bereitgestellt.

Schaut man sich Hintergrundberichte z.B. bei der FAZ an, wird deutlich, dass die deutschen Parlamentarier da mit ihren Entscheidungen selbst etwas überfordert sind. Und googelt man nach Cartoons zur Eurorettung, findet man auch viel zu lachen. Humor ist meiner Meinung nach sehr hilfreich, mit dem Thema umgehen zu können. Und die irischen Banker passen da irgendwie ins Bild.

Was ich komplett irre finde ist, daß unsere unlustigen Journalisten einen Punkt gar nicht aufgegriffen haben: Da haben Banker sich auf ihrer Arbeitsstelle am Telefon über Angelegenheiten ihren Job betreffend unterhalten. Dieses Telefonat wurde mitgeschnitten. Und ohne Einwilligung der Betroffenen im Internet veröffentlicht.

Ich verstehe ja, daß in Kundenkontakten, in denen es um Verträge mit finanziellen Auswirkungen geht, Telefonate mitgeschnitten werden. Gibt es im Nachgang einen Dissens über das, was besprochen wurde, lässt die Sache sich nur so aufklären. Aber wenn ich als Kunde bei meiner Bank anrufe, erhalte ich vorab einen Hinweis, daß das Telefonat mitgeschnitten wird. Und ich habe immer die Möglichkeit "nein" zu sagen, wenn ich so einen Mitschnitt nicht möchte.

Haben die Banker vorab einen solchen Hinweis erhalten? Wie kommt es, dass ein Arbeitgeber interne Gespräche von Mitarbeitern am Telefon mitschneidet?

Damit, dass Leute sich über uns lustig machen, wenn wir das Geld mit vollen Händen aus dem Land werfen, müssen wir Deutsche meiner Meinung nach leben. Ich jedenfalls kann das. Damit, dass Telefonate mitgeschnitten werden und vielleicht irgendwo im Internet auftauchen, kann ich persönlich nicht leben. Die Vertraulichkeit des Wortes ist nicht zu Unrecht ein geschütztes Gut. Unsere Gesellschaft muss sich über so etwas unterhalten und dazu Entscheidungen treffen.

Aufgabe der Journalisten wäre es meiner Meinung nach gewesen, diesen Aspekt aufzugreifen und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Die Unlustigen haben da bislang versagt, und ich finde das irre. Wo leben wir eigentlich, wenn Humor von Profiteuren der Eurorettung das Thema in den Medien ist, nicht aber die Tatsache, dass interne Telefonate in einem Großunternehmen mitgeschnitten wurden und später im Internet auftauchten?

Wenn das gesellschaftlich akzeptiert wird, befinden wir uns auf dem Weg in einen neuen Totalitarismus. Ich möchte das nicht. Und ich wünsche mir von den deutschen Journalisten, dass sie das aufgreifen. Eine Debatte darüber ist nötig. Die Berichterstattung über die lustigen Banker von Irland macht das deutlich.

Ist das eigentliche Problem also die Doofheit deutscher Journalisten und die daran anknüpfende Unfähigkeit, die wirklichen Probleme zu erkennen und über die zu schreiben? Ich glaube schon.

Damit möchte ich kurz auf Europa und die Eurokrise zu sprechen kommen. Und die Wahl:

Ich erwarte von Politikern, die ein Mandat der Wähler möchten um über das Schicksal unseres Landes künftig entscheiden zu dürfen, dass sie uns ehrlich sagen, was beim Euro Sache ist und was sie zu tun gedenken. Und auch die von mir aufgezeigten Punkte gehören in den politischen Diskurs.

Das und wie aus Irland berichtet wird, trägt doch dazu bei, dass zwei Völker die eigentlich noch nie Probleme miteinander hatten welche bekommen können. Verantwortungsvolle Politik muss das doch sehen und dafür Sorge tragen, dass die Saat der Spaltung gar nicht erst gelegt wird. Mein Verdacht ist inzwischen, dass der Euro diese Saat sein könnte. Wie seht Ihr das?

Alle sind eingeladen mitzudiskutieren.

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